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5. Mai 2001 |
Vorgestern:
Meine Frau B. besucht unsere
Tochter M. in Zürich. Sie zeigt M. viel Sehenswertes von Zürich. Weil
ich geschäftlich ebenfalls in Zürich zu tun habe, treffen wir uns zum
gemeinsamen Nachtessen. Anschliessend fahren meine Frau und ich nach
Hause.
Gestern/Heute:
B. macht diverse Einkäufe in der Nachbargemeinde. Abends schauen B. und
ich einige Sendungen im Fernsehen an. Wie gewohnt verabschiedet sich B.
um ca. 22:15 von mir um zu Bett zu gehen. Ich beschäftige mich noch bis
ca. 02:45 mit meinem Internetauftritt.
Zu dieser Zeit begibt sich B. nochmals zu Toilette. Anschliessend lege
ich mich ebenfalls schlafen.
Heute ca. 03:45 Uhr:
Um ca. 03:45 Uhr stelle ich im Halbschlaf fest, dass meine Frau B. sich
irgendwie unkontrolliert im Schlafzimmer umher bewegt. Als ich das Licht
anzünde scheint es mir, als ob sie einen kleinen Schlaganfall erlitten
hätte (leicht schiefer Mundwinkel links, leichte Sprachstörungen). Ich
lege sie ins Bett und kühle ihre Stirn, da sie über Kopfschmerzen hinter
dem rechten Auge klagt. Sie möchte nicht, dass ich einen Arzt oder den
Rettungsdienst (Tel. Nr. 144, erst seit ca. 6 Monaten in Betrieb)
anrufe. Nach ihrer Aussage geht es ihr jetzt auch wieder besser, mit
Ausnahme der Kopfschmerzen. Als sie etwas später nochmals zur Toilette
gehen möchte weil es ihr schlecht ist, stelle ich fest, dass sie nur mit
meiner Unterstützung den Weg dorthin und zurück in's Bett schafft.
Gleichzeitig bemerke ich, dass die linke Körperseite zusehends schlaffer
wird und sie links auch meine Hand nicht mehr drücken kann. Diese
Feststellung veranlasst mich nun doch etwas zu unternehmen. Ich überlege
mir, dass bis zum Eintreffen unseres Hausarztes mindestens 20 Minuten
vergehen würden und wenn dieser dann doch nichts mehr unternehmen
könnte, dann trotzdem der Rettungsdienst aufgeboten werden müsste. Also
entschliesse ich mich, direkt den Rettungsdienst über die Notrufnummer
anzurufen.
Ca. 04:15 Uhr:
Es ist inzwischen ca. 04:15 Uhr. Ich stelle die Notrufnummer 144 ein. Es
klingelt lange, ohne dass jemand den Anruf entgegen nimmt. Plötzlich
wechselt das Klingeln zu einem unterbrechenden Piepston. Auch jetzt
meldet sich niemand. Dann wird die Verbindung plötzlich unterbrochen.
Ich lege den Telefonhörer auf. Kurz überlege ich mir, ob ich die
REGA anrufen sollte, doch gelange ich zur Ansicht, dass dies ein
weiterer Zeitverlust darstellen würde. Also wähle ich nochmals die Nr.
144. Wiederum die selbe Situation. Nur mit dem Unterschied, dass sich
nun nach längerem Anhalten des unterbrechenden Pfeiftons eine
verschlafen klingende Stimme meldet. Ich melde meine Feststellungen bei
meiner Frau B. und gebe meiner Vermutung Ausdruck, dass es sich um einen
Hirnschlag handeln könnte. Ausser der Frage nach der Adresse und
Telefon-Nummer werden keine weiteren Fragen gestellt. Weil ich weiss,
dass ortsundkundige unsere Adresse (keine Strassenschilder) kaum finden,
wollte ich noch die Zufahrt erklären. Man teilt mir aber mit, dass sich
der Fahrer des Ambulanzfahrzeuges dann direkt bei mir melden würde. Für
mich ist dies OK. Also warte ich auf diesen Anruf. Und dieser folgt
schon bald. Offenbar verfügt das Ambulanzfahrzeug über ein
Satelliten-Navigations-System, denn der Fahrer teilt mir mit, dass sie
soeben beim Spital abgefahren seien und er sehe, wo sich unsere Adresse
befinde. Nur finde er da das Altersheim nicht. Erstaunt über diese
Aussage teile ich dem Fahrer mit, dass es sich nicht um ein Altersheim
handle, sondern um eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Ich erkläre
ihm die Situation der Zufahrt mit klaren Anhaltspunkten. Der Fahrer und
ich vereinbaren, dass er sich beim Erreichen der Ortseinfahrt nochmals
meldet. Inzwischen kümmere ich mich wieder um meine Frau B., deren
Zustand sich zusehends verschlechtert (immer mehr verminderte
Ansprechbarkeit und nachlassende Kräfte). Dazwischen halte ich im
Wohnzimmer Ausschau nach dem Eintreffen des Ambulanzfahrzeuges.
Ca. 04:35 Uhr:
Nach eher kurzer Anfahrtszeit (knapp 20 Minuten) sehe ich das
Ambulanzfahrzeug auf der Strasse (ca. 200 Meter Luftlinie von unserem
Wohnhaus entfernt) vorbeifahren. Kurz darauf meldet sich der Fahrer
wieder telefonisch und möchte weitere Angaben. Ich teile ihm mit, dass
ich ihn gesehen hätte und bitte ihn zu wenden und das Blaulicht
einzuschalten, damit ich ihn am Telefon lotsen könnte. Er teilt mir mit,
dass er auf der Einsatzstufe 2 eigentlich nicht mit Blaulicht fahren
dürfte, aber er würde es nun einschalten. Fast im gleichen Moment teilt
er mir mit, dass er nun gewendet hätte und die als Hinweis geschilderte
Tafel 'Sackgasse' gesehen hätte. Also vermutete ich ihn am richtigen Ort
und bitte ihn, nun bis an's Ende dieser Strasse zu fahren. Ich würde ihn
dann dort in Empfang nehmen. Doch der
Rettungswagen kommt nicht. Ich musste zurück zu meiner Frau, welche ja
im Bett lag. Und nun kam das grosse Warten. Kein Anruf des Fahrers. Nach
ca. 15 Minuten, als ich schon wieder die Notrufnummer 144 anrufen wollte
meldet sich der Fahrer wieder und gibt mir erneut seine Position durch.
Weil diese ganz nahe bei unserer Wohnung ist bitte ich ihn dort zu
warten bis ich ihn abhole.
Ca. 04:55 Uhr:
Nach kurzer Fahrt sind der Rettungssanitäter und der Transporthelfer bei
B. Puls, Blutdruck und die Sauerstoffsättigung des Blutes werden
gemessen. Nach einiger Zeit versucht der Rettungssanitäter bei B. eine
Infusion zu legen, was jedoch nicht gelingt. Nach weiteren Beobachtungen
der Patientin schlägt der Rettungssanitäter dem Transporthelfer vor, die
Tragbahre zu holen und als Transportstuhl vorzubereiten, wegen dem engen
und winkligen Treppenhaus. Nach einiger Zeit ist B. auf die Bahre
gebettet und und kann relativ problemlos die Treppe hinuntergetragen und
in den Rettungswagen geschoben werden.
Ca. 05:55 Uhr:
Ich teile dem Fahrer mit, dass
ich mit dem Privat-PW dem Rettungswagen folgen werde und frage ihn, ob
B. in den Spital A gebracht werde. Hierauf teilt er mir mit, dass ich
dies bestimmen könnte. Weil ich wusste, dass B. lieber im Spital B
liegen würde bitte ich den Fahrer dorthin zu fahren. In gemächlichem
Tempo und ohne Blaulicht geht es auf die Autobahn wo dann das Tempo auf
ca. 130 KM/h gesteigert wird. Aus dem Auto rufe ich unsere Tochter M.
an, welche als Krankenschwester DN II in einem Spital in Zürich arbeitet
und teile ihr das Unfassbare mit. Sie wird sich bei Ihrem Spital
abmelden und so rasch als möglich zusammen mit ihrem Freund in den
Spital B fahren.
Ca. 06:25 Uhr:
Fast gleichzeitig mit dem
Rettungswagen treffe ich ebenfalls beim Spital B ein. Da die offizielle
Porte nicht besetzt ist begebe ich mich zum Eingang der Notfall-Station,
wo ich nach Läuten und einigem Warten eingelassen werde. Meine Frau B.
wird bereits angesprochen und untersucht. Es wird ihr Blut abgenommen.
Ich muss diverse Formulare ausfüllen. Nach einigen Überlegungen
entscheidet der Arzt, B. im Spital A zwecks Vornahme eines CT
(Computer-Tomogrammes) anzumelden und die Verlegung dorthin zu
organisieren. Da im Spital B an Wochenenden das Labor nicht besetzt ist,
werden die Blutentnahmen ebenfalls an das Spital A weitergeleitet. Ich
fahre mit dem Krankenwagen mit zum Spital A. Unterwegs teile ich M.,
welche sich inzwischen ebenfalls auf der Anreise befindet, per Natel
mit, dass B. nun in den Spital A verlegt wird.
Ca. 07:15 Uhr:
B. wird in die Notfallstation des
Spitals aufgenommen und es werden sofort die erforderlichen
Untersuchungen eingeleitet. Da B. nur noch sehr beschränkt ansprechbar
ist entschliesst man sich eine Intubation vorzunehmen um das Risiko
während des CT zu mindern. Weil man mir diesen Anblick ersparen will,
werde ich zur Beantwortung weiterer Fragen in einen anderen Raum
geführt.
Ca. 07:45 Uhr:
M. trifft zusammen mit Ihrem
Freund in der Notfallstation des Spitals A ein. In Anwesenheit des
diensthabenden Notfall-Arztes K1. und eines Assistenz-Arztes sind
weitere Fragen zu beantworten.
Anschliessend bittet man uns, in der Cafeteria des Spitals auf weitere
Nachrichten zu warten.
Ca. 08:30 Uhr:
Vom diensthabenden Oberarzt K1.
und in Begleitung des Assistenzarztes werden wir in den Besprechungsraum
der Notfall-Station zurückgebeten. Auf dem Weg dorthin sehen wir, wie B.
an uns vorbei in den Operationssaal geschoben wird. Man erklärt uns,
dass B. eine massive Hirnblutung erlitten habe und sich die inzwischen
aufgebotene Neuro-Chirurgin nur aufgrund des Alters von B. (Jahrgang
1944), des allgemein guten gesundheitlichen Zustandes und der relativ
kurzen Zeit zwischen dem Eintreten des Ereignisses und der Einlieferung
zu einer Operation entschlossen habe und dass eine Nicht-Operation
unweigerlich zum Tod von B. geführt hätte. Im weitern erklärt uns Dr.
K1., dass aufgrund des Ausmasses und der Tiefe der festgestellten
Hirnblutung mit grossen irreparablen Schäden bei B. zu rechnen sei.
Immerhin sei als positiv zu werten, dass vorwiegend die rechte
Hirnhälfte von der Blutung betroffen sei. Da die Operation ca. 3 Stunden
dauern werde vereinbaren wir, dass man uns auf meinem Natel anruft,
sobald die Operation abgeschlossen ist.
Ca. 12:00 Uhr:
Wir halten es vor Anspannung
nicht mehr aus und begeben uns zum Spital A, obschon noch kein Anruf
eingetroffen ist. Die Wartezeit benützen wir dazu, die Schwester von B.
vom tragischen Ereignis zu informieren mit der Bitte, die Mutter von B.
(82 jährig) aufzusuchen und ihr die Sachlage möglichst schonend
beizubringen. Gleichzeitig vereinbaren wir, dass sie für uns für die
nächste Zeit für alle Angehörigen die Ansprechperson ist. Sie offeriert
sich auch sofort, meine Hemden zu waschen und zu bügeln, was mir ein
grosses Problem löst.
Ca. 12:30 Uhr:
Noch immer kein Anruf. Das Warten
wird unerträglich. Hat B. die Operation eventuell nicht lebend
überstanden?
Ca. 12:45 Uhr:
Ein Lichtblick. Der Assistenzarzt
von K1. erscheint im Haupteingang des Spitals und schaut suchend umher.
Ich spreche ihn an und frage ihn nach dem Verlauf der Operation.
Offenbar weiss er nicht genau Bescheid. Er teilt uns aber mit, dass die
Operation länger gedauert habe und dass B. diese überlebt habe. B. werde
nun auf die IPS (Intensiv Pflege Station) verlegt, was infolge der
notwendigen Einrichtungen noch einige Zeit dauern werde. Wie vereinbart,
würden wir dann von der IPS informiert, wenn wir B. dort besuchen
könnten.
Ca. 14:30 Uhr:
Noch immer keine Nachricht von
der IPS. Was ist los? Musste B. eventuell ein zweites Mal operiert
werden? Ist sie vielleicht anschliessend an die Operation gestorben?
Keine Antwort auf all diese bohrenden Fragen: Zufälligerweise treffen
wir wieder den Assistenzarzt von K1. an. Auf meine Nachfrage teilt er
uns mit, dass B. soeben auf der IPS eingetroffen sei und wir noch ca.
1/2 Std. warten müssten, bis wir sie besuchen könnten. So beiläufig wird
uns mitgeteilt, dass diese Wartezeit normal sei, da nach der Operation
nochmals ein CT gemacht werde. Wenigstens eine gewisse Erleichterung für
uns.
Ca. 14:35 Uhr:
Aufgrund dieser Aussage
entschliessen wir uns, unseren Hunger mit einem Sandwiches in der
Cafeteria des Spitals zu stillen. Bei dieser Gelegenheit treffen wir
zufälligerweise Dr. K1. an. Er scheint uns nicht mehr zu kennen.
Trotzdem erlaube ich mir die Frage, wann wir B. auf der IPS besuchen
können. Nun lautet die Auskunft, in ca. 1/4 Std. Wir sind froh.
Ca. 15:15 Uhr:
Endlich der Anruf von der IPS.
Wir dürfen in ca. 10 Minuten B. auf der IPS besuchen.
Ca. 15:30 Uhr:
Auf der IPS empfängt uns K1. Er
schildert uns nochmals die Ausgangslage und die zu erwartenden
Aussichten aufgrund der gemachten CT's. Dr. K1. erläutert uns auch die
Besuchsregeln auf der IPS und lässt anschliessend einen ca. 10 minütigen
Besuch von B. zu. B. liegt tief im Koma, hat einen hohen Blutdruck und
wird beatmet.
Ca. 20:00 Uhr:
Wir besuchen B. nochmals auf der
IPS. Ihr Zustand ist unverändert.
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